Schiedsrichtergespann

Hertha BSC Blog – Berlin Fußball Bundesliga

¡ENHORABUENA España!

oder
Das Ende einer Bergtour: kurz vorm Gipfel – Höhenangst!
„El Niño“ schickte eine grausige Woge kalten Entsetzens über die versammelten aber aufgewühlten Menschenmengen der Public Viewing Veranstaltungen. Selten war eine so hoch aufbrausende Begeisterung so vollkommen verebbt. Nur wenige Male noch brandeten verhaltene fast ängstliche Anfeuerungen der Massen auf. Die spanische Armada schickte Angriffswelle um Angriffswelle über die hilflos dahin treibende deutsche Mannschaft, „El Capitano“, vom Kampf schwer gezeichnet aber leicht verzweifelt, bekam das Ruder nicht mehr in die Hand, an Herumreißen gar nicht zu denken, die Brücke verwaist, die Tampen nur lose Enden, die Takelage in Fetzen, lediglich Lehmann trotzte der Torflut wie ein Fels in der Spülung.
Wenn den Spaniern nicht ihr Chefkanonier David Villa (¡felicitación!) gefehlt hätte, wäre nach eineinhalb Glasen der Kahn rettungslos abgesoffen gewesen. Zur zweiten Hälfte wollten die DFB-Matrosen sich wohl noch einmal in die Riemen legen bzw. am selbigen reißen, aber der Lotse längsseits hatte den Kompass vergessen und die Orientierung verloren, so dass keiner im Team den Kurs zum gegnerischen Tor bestimmen konnte. Drei volle Glasen trieben sie ihrem sicheren Ende entgegen, in Erwartung den finalen Fangschuss zu bekommen, vielleicht sogar immer in der schwachen Hoffnung einen Zufallstreffer zu landen und das Leiden um ein letztes Glas zu verlängern.
So in etwa sah aus der maritimen Perspektive der Untergang der deutschen Fußballherrlichkeit aus, noch nie blieben so viele zum Feiern kalt gestellte Getränke ungeöffnet, pünktlich zum Abpfiff konnten alle Stadtreinigungen der Republik, den Ausnahmezustand aufheben. Soviel zu den positiven Aspekten der Niederlage.
Über den Kampf zum Spiel finden, eine der ausgelatschtesten deutschen Fußballtugenden, war sicher auch bei diesem Spiel wieder als Devise ausgegeben worden, aber in diesem Spiel hatte die deutsche Mannschaft den Kampf nicht finden können, was sicherlich ein Novum für eine deutsche Mannschaft in einem internationalem Endspiel darstellt, obwohl es, weiß Gott, versucht wurde. Man konnte in den ersten 10 Minuten sehr schön sehen, was sich die DFB-Auswahl vorgenommen hatte, gleich richtig drauf gehen, dann waren sie aber von den Fehlern der Spanier selbst zu sehr überrascht, um sie ausnutzen zu können und haben sich damit nicht nur um den Spielrhythmus sondern auch um die Moral gebracht, der Rest sah nach blankem Defätismus aus. Einen einzigen Ball musste Iker Casillas halten, einen Kullerball von „Das Hämmerchen“, den hätt´ meine Omma mit ihrem Sonntagshütchen rausgewedelt.
Vom Glücksschweini zum Pechvogel in nur 2 etwas zu lang geratenen Freistößen, vom Volkshelden zum Volltrottel ist es manchmal nur ein ganz kurzer Weg, und einige kennen auch da noch eine Abkürzung. Die ganze deutsche Mannschaft war platt wie Flunder tief! Zum Feiern bis in das Morgengrauen und zum Gefeiertwerden den nächsten Mittag mussten sicher die allerletzten Reserven mobilisiert werden, über die Grenzen wurde dann auch noch gegangen und zwar in den Urlaub.
Am Trainerstab kann das selbstverständlich Alles in gar keinster Weise irgendwie gelegen haben, Joachim Löw geht als großer Gewinner aus dem Turnier hervor, mit der uneingeschränkten Souveränität über die deutsche Fußballnationalmannschaft.
„Never change a winning team!“ kann nach einem Spiel wie dem Halbfinale gegen die Türkei eigentlich nicht ernst gemeint gewesen sein, weil zwei Spiele hintereinander gibt es so viel Glück und Mannschaften die ohne Verteidigung spielen nicht, Jogi Löw hätte die Aufstellung vorher der spanischen Mannschaftsführung auch zufaxen können.
In einem Spiel, in dem man Nichts zu verlieren hat außer die Nerven, nach einer Partie, die nach einer Blutauffrischung auf gut der Hälfte der Positionen ganz dringend verlangt hatte, hätte man mit ein bisschen mehr Fantasie die Spanier in etwas größere Verlegenheiten bringen können. Wenn man schon nicht vor hat, aufs gegnerische Tor zu schießen, hätte man es auch mit einem gepflegten Catenaccio (5-4-1) versuchen können und mit Westerman einen bringen, der es auch in der 2. Halbzeit noch bis zur gegnerischen Grundlinie schafft, um Flanken auf den Kopfballstärksten Stürmer Kuranyi zu treten.
Noch zäheren Beton hätte man meiner völlig unmaßgeblichen Meinung mit einer 4-3-2-1-Formation anrühren können, Ballack zentral vor der Abwehr, mit Borowski für Poldi und Kuranyi im Sturm, wenn man dann allerdings wie Schweini die Standards zum Abstoß klärt, hätte Trochowski auch gleich einen Einsatz verdient gehabt. Mit einer völlig ausgelaugten Truppe, den Versuch zu machen, den Gegner mit kraftvoll überlegenem Laufspiel beikommen zu wollen, sollte Kleingeld-Theo noch mal zum nachzählen veranlasst haben.

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