Schiedsrichtergespann

Hertha BSC Blog – Berlin Fußball Bundesliga

Die alte Dame bittet zum Tanz

Damenwahl beim Ball Paradox im Borussia-Park, Samba Polka 1:2, 3 Punkte bleiben am Niederrhein.
In einer dramatischen Partie vor 41814 Zuschauern, in der Hertha von Beginn an mit der besseren Spielanlage überzeugen konnte, zeigten sich die Gastgeber als schlechte Kavaliere und behielten alle Punkte für sich.
Mit Fußball in dieser Spielweise könnte der verwöhnte Fan auch hinreichend zufrieden gestellt werden, sollte es nicht zu einem vorderen Tabellenplatz reichen.

Die Maxime, hinten sicher zu stehen und wie das schüchtern korpulente Mauerblümchen geduldig auf die Aufforderung zum Tänzchen zu warten, um dann schnell und zielstrebig mit letzter Konsequenz den Abschlussball zu verwerten, hat – die Spiele der letzten Saison einzeln betrachtet – Hertha nicht wirklich attraktiver gemacht, in toto aber für eine längst vergessene Euphorie beim Kampf um die Meisterschaft gesorgt, die unversehens in Ekstase umschlagen könnte, sollte Hertha in dieser Saison mit Offensivfußball an die Tabellenspitze vorstoßen.

Zuerst braucht es dafür einen Klassetorwart wie Drobny, der in der Lage ist, an guten Tagen die Punkte ganz allein festzuhalten und nach einem unglücklichen Schlag ins Gesicht mit einer gebrochenen Nase, noch lange nicht aus dem Tor geht.

Das zeigte eigentlich noch mehr als das erste Gegentor, bei dem Pejcinovic zu spät hinten rausgerückt ist, die fehlende Feinabstimmung in der Verteidigung.
Die Sicherheit in der Abwehr, die letzte Saison meisterlich war, wird durch den Abgang des Kommandeurs von der Brücke nicht wieder zu erreichen sein. Dem allein gelassenen Kapitän ist aber durchaus zu zutrauen, den Laden auch ohne Nasenstüber zusammen zu halten.
Mit Jerome Boateng, der in Hamburg und vor allem bei der U-21 EM seine Klasse bewiesen hat und im Spiel nach vorne sogar um einiges besser ist als Joe Simunic, wurde Herthas Zukunft leider verkauft bzw. konnte er nicht gehalten werden. Man hätte stattdessen den Etatposten Friedrich kapitalisieren, der seinen Zenit vor zwei Jahren schon überschritten hatte und den hoffnungsvollen Nachwuchs ins Team integrieren sollen.

Die Annahme, dass die Jungen aber zu Wilden aus dem Herthainternat einen Ortswechsel gebraucht haben, um ihre Leistungsfähigkeit voll ausschöpfen zu können, wie Sejad Salihovic das von sich annimmt, dessen Fähigkeiten ich auch ganz stark im Offensivspiel der Hertha vermisse, hätte man durch Ausleihen, wie sie bei Bayern – Paradebeispiel Lahm – getätigt werden, bequem auffangen können.
Die Konzeptlosigkeit von Dieter Hoeneß, der anscheinend von seinem großen Bruder auch nichts in punkto Nachhaltigkeit lernen konnte und mangelnde Ideen, wie die Mannschaft systematisch zu entwickeln wäre, notdürftig mit Aktionismus überspielt hat, wie bei Babic und Cuffre, wo die letzte verfügbare Kohle rausging für routinierteste Handaufhalter, die der Mannschaft überhaupt nicht helfen konnten, nur damit der Manager einen Arbeitsnachweis vorweisen konnte, ist eine schwere Hypothek für die kommenden Jahre, setzt aber eine verhängnisvolle Tradition (Bonhof, Rahn) fort, die ältere Herthafans noch gelegentlich aber schweißnass aus Alpträumen hochschrecken lässt.

Die Mechanismen dieses Geschäftsgebarens, das für mich zwingend den Anfangsverdacht auf Untreue und Vorteilsgewährung, besonders in seiner brasilianischen Ausprägung begründet, sind die gleichen, die bei Prince Kevin in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen gegriffen haben, der als Fixstern von haufenweise Trabanten, die sich im seinen Licht gesonnt und ihn und seine Kohle abgefeiert haben, umkreist wurde, der aber auch als Hauptstern mit Jerome und Patte in einem Dreifachsystem gestrahlt hat, die von Ashkan und Chinedu wohl gelegentlich verstärkt wurden.
Das interessiert mich aber als Fan nun wirklich überhaupt nicht, was die hoffnungsvollen Nachwuchskicker in ihrer Freizeit machen, das ist allenfalls was für Groupies und gehört mittlerweile zur gewöhnlichen Entwicklung von Lizenzspielern.
Was mich interessiert, ist, wie die Vereinsführung damit umgeht oder eben damit nicht zurecht kommt, schwierige Charaktere ins Mannschaftsgefüge ein zu passen und die Mannschaft weiter zielstrebig entwickeln. Da werden Straßenfußballer gefordert aber dann deren schlechte Manieren geächtet, was so weit gehen kann, dass einem Rowdy die grundgesetzlich garantierten Menschenrechte abgesprochen werden: Man darf als Beschuldigter ungestraft lügen!

Da gehört dann schon eine gehörige Portion Selbstgerechtigkeit dazu, sich darüber hinweg zu setzen und Patte mit Ausschluss zu drohen, Dieter hatte davon reichlich.
Die soziale Anerkennung, die Heranwachsende mit Großspurigkeit zu erreichen trachten, scheint im Fußballmanagement den gleichen Prinzipien zu gehorchen. Dieter hat nicht mal sein eigenes Geld ausgeben müssen und auch keine Entourage gebraucht, um als großer Zampano im internationalen Fußballgeschäft und in schönster Selbstherrlichkeit zu erstrahlen. Was Patte dabei sein Prince ist Dieter sein Uli.
Kleine Havarien auf der Straße des Erfolgs wie die Saison 03/04 mit dem Startrainer Stevens als Copilot, die dringlich zum Strategiewechsel gemahnt hatten, wurden schnell als handelsüblicher Betriebsunfall abgetan, man bekam ja noch ohne größere Schwierigkeiten Kredit.
Leider verspricht der Gang zum Staatsanwalt keinerlei Aussicht auf Regress, Vorsatz kann Dieter nicht mal wirklich unterstellt werden, sondern es war wohl nur krankhafte Profilierungssucht in Tateinheit mit völliger Ahnungslosigkeit, dass der Zampano seinem Nachfolger nicht viel mehr als seine fabrikneuen Ketten aber auch einen konzeptionell und systemisch arbeitenden Trainer hinterlassen hat.

Die immer wieder postulierte Vorbildfunktion, die der Nachwuchs erfüllen soll, überfordert die Jungs in der Regel, es wäre vernünftiger Unartigkeiten und Rüpeleien aus den Medien heraus zu halten. Wie Favre mit solchen Blödeleien umgeht, in dem er sie einfach nicht zur Kenntnis nimmt und nur Eindrücke aus Training und Spielen gelten lässt, hätte die Mannschaft sicherlich um einiges weiter gebracht. Jérôme Boateng und  Sejad Salihovic wären genau die Kandidaten gewesen, die Hertha in der neuen Saison noch gebraucht hätte, um das Niveau der letzten zu halten, aber sie sind inzwischen unbezahlbar.

Die jetzigen Eigengewächse Radjabali-Fardi, Bigalke und Hartmann sind noch völlig unbeschriebene Blätter, deren Bundesligatauglichkeit eher im Ungewissen liegt, die aber in dieser Übergangssaison ihre Chance bekommen sollten.

Der momentane Kader, der noch durch einen durchschlagskräftigen Mittelstürmer und einen spielstarken zentralen Mittelfeldspieler ergänzt werden soll, muss noch von den Altlasten Arguez und Kaká befreit werden, was nicht leicht wird.

Bei den Neuverpflichtungen muss wahrscheinlich noch eine gute Woche abgewartet werden, es sei denn, es gibt einen deutlichen Sieg heute abend in Kopenhagen. Voronin scheint nach wie vor der Wunschspieler von Favre im Sturm zu sein, der aber ohne die 1,5 Mio aus der Europa League nicht finanzierbar ist, neueste Gerüchte favorisieren Venegoor of Hesselink, was sich anhört wie einem mittelmäßigen Fantasy-Roman entsprungen, der ein Typ wie Preetz ist und vor allem weiß, wie man Titel gewinnt. Jan Simak auf der Spielmacherposition könnte den Kader abrunden und mit mannschaftlicher Geschlossenheit könnte die Hertha für die eine oder andere Überraschung sorgen.

Ein böses Erwachen wie zur Saisoneröffnung 03/04 und beim Grottengekicke gegen Groclin Grodzisk könnte die zaghaftesten Blütenträume im Keim vertrocknen lassen zumal Bröndby der schwerste Gegner ist, den man bekommen konnte und die Spiele der Hertha auf europäischer Bühne die Fernsehanstalten in keinerlei Zugzwang setzen, obwohl das Spiel heute abend auf dem Papier das interessanteste sein sollte, wird Werder gezeigt.

Favre und Preetz haben noch reichlich zu tun, die Hertha finanziell zu konsolidieren und sportlich wieder an die Spitze der Liga zu führen. In zwei Wochen wird die Marschformation auf dem Weg dahin zu bewundern sein.

Hertha-Spiele Fußball-Historie

Ältere Spielberichte, Informationen und Meinungen zu Begegnungen beider Mannschaften vom Schiedsrichtergespann:

28. Februar 2009 – Hertha BSC – Borussia M’gladbach – 2:1
20. September 2008 – Borussia M’gladbach – Hertha BSC – 0:1

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